Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Mein Vater
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 321 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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ausübten. Jeden Freitag, in spater Nachmittagstunde, spielte sich auf diesem Platze eine eigenartige Szene ab. Fromme Männer, ,,Sabbatwächter“, gingen herum und forderten die Obstweiber auf, wegen des herannahenden Sabbats mit ihrem Handel aufzuhören. Die Frauen, die gern noch etwas verkaufen wollten, beschimpften die Männer wegen der Störung. Diese behielten aber ihre Ruhe und ermahnten die Weiber, ja nicht die schwere Sünde der Sabbatentweihung auf sich zu laden. Der Handel fand sein Ende, und dieselben Frauen konnten nun nicht genug Dankesworte für die Männer finden, die sie vor einer schweren Sünde bewahrt hatten, und überhäuften sie mit Segenswünschen. Anfangs konnte mein Vater keine eigene Wohnung mieten, weil ihm die Mittel zur Anschaffung einer noch so bescheidenen Einrichtung fehlten. Wir wohnten daher etwa zwei Monate möbliert. Das Einkommen meines Vaters war noch knapp, da er vorläufig keine Anstellung fand und sich nur durch Erteilen von Privatunterricht ernährte. An einem Donnerstag, in später Nachmittagstunde, mein Vater lernte gerade mit mir, hörten wir, wie meine Stiefmutter nach Hause kam und weinte. Wir forschten nach der Ursache und hörten, daß sie in ein Lebensmittelgeschäft gegangen war, um für den Sabbat einzukaufen, und daß, als die geforderte Ware ihr bereits zugewogen war, der Ladeninhaber, da sie nicht bezahlen konnte, alles zurück nahm und bemerkte: „Ich borge nicht mehr“. Mein Vater erbleichte, als er das hörte: aber was war zu tun? Daß er irgend jemand um Hilfe ansprechen sollte, war bei seinem Wesen ausgeschlossen. So saßen wir noch eine Weile, dann ging er mit mir zum Abendgottesdienst. In unserer Nähe war die innerstädtische große Synagoge, die „große Schul“, übrigens eines der schönsten Gotteshäuser, die ich je gesehen habe. Ihr gegenüber war das innerstädtische Beth hamidrasch, dahinter der Judenhof, in dessen Mitte die „kleine Schul“ stand — wohl 21 321