Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Mein Vater
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 319 (sequence 24)
- Language
- German
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heimischen minderbemittelten Bevölkerung waren Verkäuferinnen oder übten ein Handwerk aus: Schneiderei, Weißnäherei usw. Am Sabbat und an den jüdischen Feiertagen feierten alle jüdischen Betriebe. Die werktätige Jugend beiderlei Geschlechts aus den unteren Volksklassen vergnügte sich im Sommer in den Gartenlokalen, und im Winter wurde viel getanzt. Bei diesen Vergnügungen mag es zuweilen etwas turbulent zugegangen sein, aber zu groben Ausschreitungen gegen Anstand) und Sitte kam es niemals. Besonders erwähnen möchte ich noch jene Frauen, die tagsüber in Wind und Wetter mit Obstkörben durch die Gassen und Gäßchen zogen und ihre Ware laut anpriesen. Viel warf ihnen dieser Handel gewiß nicht ab. Aber wenn sie abendis heimkehrten, unterließen sie es nicht, bei einer Synagoge vorbeizugehen, um in eine Büchse, die zur Aufnahme von Spenden für das Heilige Land bestimmt war, einige kleine Münzen zu werfen. Es lag viel frommer Sinn in diesem Tun. überhaupt war damals eine ideale Zeit, an die ich mit großer Befriedigung zurückdenke. Die Bedürfnisse waren gering, und daher fehlte das wilde Hasten nach Erwerb und Gewinn. Ältere Männer, reiche wie minder reiche, widmeten viel von ihrer Zeit dem Thorastudium, und jüngere, selbst solche, die bereits berufstätig waren, befaßten sich viel mit den Schriften der Haskala und den deutschen Klassikern. In diesen Kreisen galt nicht der Unterschied zwischen Reich und Arm, sondern nur der Unterschied zwischen Bildung und Unbildung. Das Unterrichts- und Bildungswesen der jüdischen Bevölkerung stand auf einer verhältnismäßig befriedigenden Stufe. Die Gemeinde unterhielt zwei Knaben- und zwei Mädchenschulen mit deutscher Unterrichtssprache. Dazu kamen später — von der Stadt unterhalten — eine Knaben- und eine Mädchenschule mit polnischer Unterrichtssprache. Der jüdische Unterrichtsstoff in diesen Schulen war allerdings unzureichend. 319