Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Mein Vater
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 317 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Stil. Mein Vater bemühte sich, was er durch die Errichtung einer öffentlichen Schule der ganzen heranwachsenden jüdischen Jugend bieten wollte, wenigstens mir angedeihen zu lassen. Er versäumte daher nicht, mich in allgemeinen Fächern zu unterrichten. Besonderes Gewicht legte er auf die Kenntnis der Geschichte. Das Lehrbuch von Weiter fesselte mich durch seinen Stil und seine Darstellung, und zur Freude meines Vaters behielt ich alle geschichtlichen Daten vorzüglich im Gedächtnis. Im Frühjahr 1872 übersiedelten wir nach Lemberg. Das Scheitern seines Planes, in Stanislau eine öffentliche jüdische Schule zu errichten, verleidete meinem Vater den Aufenthalt in dieser Stadt. Kampfmüde, wollte er den Chassidim aus dem Wege gehen. Lemberg war damals bereits Großstadt, und die Juden bildeten dort nahezu den dritten Teil der Bevölkerung. Die Struktur der Judenheit in der Hauptstadt Galiziens war anders als in Stanislau. Es waren in ihr bereits die akademischen Berufe vertreten. Von den Rechtsanwälten war einer als Verteidiger in Strafsachen berühmt; ein Plaidoyer von ihm bildete oft ein Ereignis, das in der polnischen Presse ausführlich besprochen wurde. Ein anderer, Dr. Philipp Zucker, befaßte sich mit Zivilsachen, pflegte aber nur die Führung solcher Prozesse anzunehmen, die er nach sorgfältiger Prüfung als ganz einwandsfrei fand; seine Praxis war daher klein. Er stand bei Juden und Christen in hohem Ansehen und wurde erster Vizebürgermeister der Stadt. Unter den jüdischen Ärzten tat sich einer durch ungewöhnliche Menschenfreundlichkeit hervor — Dr. Moses B e i s e r. Es gab damals noch keine organisierte Krankenhilfe, aber manche Ärzte hielten es für ihre Ehrenpflicht, für Arme eine Sprechstunde abzuhalten, in der sie unentgeltlich konsultiert werden konnten. Dr. Beiser begnügte sich nicht damit, vielmehr suchte er arme Kranke, soweit sie nicht im städtischen oder im 317