Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1938-01-01 · 31 (1938) · p. Seite 316

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
31 (1938)
Article
Mein Vater
Date
1938-01-01
Page
Seite 316 (sequence 21)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3111067-3111128-3119359--8178-3119724
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

graphisch Hilfe erbeten; bis die Lösdhzüge ankamen, war aber nicht mehr viel zu retten. Unsere bescheidene Einrichtung war nicht versichert, und je näher die Feuersgefahr kam, desto mehr mußten wir uns damit abfinden, daß nichts zu retten sein würde. Aber wenigstens sollten Kleider, Wäsche, Bettzeug und Bücher in Sicherheit gebracht werden. Mein Vater trug alle diese Habseligkeiten auf eine Wiese, und da wir Kinder zu schwach waren, um ihm dabei zu helfen, mußte er sich allein damit abmiihen. Bei eintretender Dunkelheit gewährte es ein grandioses und zugleich grauenhaftes Bild, als der Marktplatz an allen vier Seiten und in der Mitte das Rathaus in Flammen standen. Wir hörten das Zusammenkrachen des Rathausturmes und das Herabstürzen der Rathausuhr. Das verheerende Element näherte sich immer mehr der westlichen Vorstadt, an deren Eingang wir wohnten. Da schlug der Wind plötzlich um und trieb das Feuer zurück nach Osten. Bald darauf kamen die Lösdhzüge aus Lemberg und Gzernowitz. Bei Tagesanbruch war es klar, daß wir vom Brande verschont geblieben waren, und mein Vater trug alles in unsere Wohnung zurück. Für ihn hatte dieses Ereignis traurige Folgen. Die Ghassidim verbreiteten, durch seine Gottlosigkeit habe er den Zorn Gottes auf die Stadt herabbeschworen. Mein Vater konnte sich einige Zeit nicht auf der Straße sehen lassen und ging körperlich wie seelisch gebrochen aus der Katastrophe hervor. Im Winter 1868 auf 1869 lernte ich das Buch Jesaja, und obwohl mir von all den kritischen Fragen der Bibelforschung nichts gesagt wurde, besaß ich bereits Sprachgefühl genug, um die großen Unterschiede im Stil der verschiedenen Partien zu fühlen. Gleichzeitig lernte ich die Misdhna mit dem Kommentar Tiferet Jisrael des R. Israel Lipschitz. Damit hat mir mein Vater eine große Wohltat erwiesen, denn ich eignete mir nicht bloß den reichen Wortschatz derMischna an, sondern auch deren eigenartig kunstvollen 316

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.