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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1938-01-01 · 31 (1938) · p. Seite 315

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
31 (1938)
Article
Mein Vater
Date
1938-01-01
Page
Seite 315 (sequence 20)
Language
German
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las ich diesen Teil der biblischen Geschichte mit großer Freude. Das wiederholte sich mehrere Male. Nicht nur dem Inhalt nach, sondern auch im Wortlaut, waren mir diese Geschichtsbücher geläufig. Das erfuhr mein Vater durch einen Zufall, und so beschloß er, den Unterricht in den genannten Büchern abzubrechen und mit mir das Buch Jesaja anzufangen. Mein Unterricht erfuhr aber um diese Zeit eine jähe Unterbrechung. Mein Vater hing mit allen Fasern seines Wesens am Judentum. Im Laufe der Jahre mußte er erfahren, daß in der Erziehung der jüdischen Jugend sich eine wesentliche Änderung vollzogen hatte, daß wie schon früher die Mädchen, nun auch die Knaben in die öffentlichen Schulen geschickt wurden, wo sie dem Judentum ganz entfremdeten. Deshalb faßte mein Vater den Plan, eine jüdische Schule zu gründen, in der der Jugend das nötige profane Wissen mit der Kenntnis des Judentums geboten werden sollte. Der intelligentere Teil der Gemeinde, zu dem fast alle wohlhabenden Mitglieder gehörten, stimmte diesem Vorhaben zu, und es gelang auch, den Rabbiner dafür zu gewinnen. Am Sabbat nach Rosch haschana 1868 schloß der Rabbiner seiner üblichen „Derascha“, die nur für die Talmudkenner bestimmt war, eine gemeinverständliche Ansprache an, in der er das Bemühen jener Leute lobte, die eine jüdische Volksschule ins Leben rufen wollten. Zwei Tage darauf, am Montag um V\ 2 Uhr nachmittag — wir saßen grade beim Mittagessen — hörten wir die Glocken Alarm läuten! Iin Osten der Stadt war eine Feuersbrunst ausgebrochen. Da wir im Westen wohnten, waren wir vorläufig beruhigt. Aber es war ein schwüler Tag, und ein heißer Ostwind trieb die Flammen in die innere Stadt. Die meisten Straßen bestanden aus Holzhäusern, die wie Zunder brannten. In wenigen Stunden stand der größte Teil der Stadt in Flammen. Eine geordnete Feuerwehr war nicht vorhanden. Aus Lemberg und Czernowitz wurde tele- 315

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