Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Mein Vater
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 314 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Meine Erziehung, vor allem meinen Unterricht vernachlässigte mein Vater nicht. Er trug Sorge, daß ich die deutsche Sprache erlernte. Das erste Buch, das ich in dieser Sprache las, war Gampes „Robinson“. Das Hauptgewicht legte mein Vater naturgemäß auf die Erlernung der hebräischen Sprache und der Bibel. Den ersten grammatischen Unterricht hatte ich bereits von meiner Mutter erhalten, aber ich sollte die hebräische Grammatik gründlich erlernen. Schwierigkeiten hat mir dies nicht gemacht, aber ich bedauere es doch, daß mir soviel aufgeladen wurde. Schon die Erlernung der Regeln der Vokalisation in allen ihren Nuancen, raubte viel Zeit, nicht minder schwierig und kompliziert ist die Deklination der Nomina. Noch jetzt denke ich mit Schrecken daran, was ich alles habe auswendig lernen müssen. In Palästina hat man diesen gordischen Knoten einfach durchgehauen und die Deklination ganz abgeschafft. Trotzdem sich mein Sprachgefühl gegen die Neuerung sträubt, würde ich ihr zugestimmt haben, wenn nicht dabei zu befürchten wäre, daß das heranwachsende Geschlecht das ältere hebräische Schrifttum nicht mehr verstehen würde. Eine Reform ist gewiß nötig, wenn das Hebräische wieder gesprochen werden soll, aber diese Reform muß mit der größten Vorsicht vorgenommen werden. Mein Vater las mit mir die Bibel. Mit dem Pentateuch war ich bereits fertig, und so ging ich an die älteren geschichtlichen Bücher: Josua, Richter, Samuel, Könige. Das ging mir aber zu langsam, und so las ich heimlich über das tägliche Pensum hinaus. Ich beherrschte die hebräische Sprache bereits zur Genüge, um den Inhalt der genannten Bücher zu verstehen. Die älteste Geschichte des jüdischen Volkes beschäftigte mein ganzes Sinnen und Trachten. Als ich damit fertig war, fing ich die Bücher wieder von vorn an. Nun wußte ich schon bei der Lektüre des zweiten Buches Samuel, daß das Ende des jüdischen Staates traurig war, und doch 314