Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Mein Vater
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 313 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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wurde auch manches für die Wohnungseinrichtung angeschafft. Aber gleich darauf erkrankte meine Mutter. Thre schwere und langwierige Krankheit brachte viel Sorge und Trauer in das Haus. Täglich kam der Arzt, oft zog er andere zum ärztlichen Konsilium zu. In der Woche nach dem 9. Ab wurde der Zustand meiner Mutter hoffnungslos, und man mußte mit dem Ende rechnen. Am Freitag Abend kamen Nachbarn und nahmen uns Kinder zu sich. Mein Vater blieb allein. Gegen zwei Uhr nachts konnte er den schweren Todeskampf meiner Mutter nicht mehr mitansehen und verließ daher das Haus für eine kurze Weile. In der Nachbarwohnung, wo ich untergebracht war, konnte ich keinen Schlaf finden. Gegen zwei Uhr stand ich auf, zog mich leise an und ging über die Straße auf unsere Wohnung zu. Es war heller Mondschein. Dicht vor unserm Hause war ein offener Brunnen, das Becken bis an den Rand gefüllt. Der Mond fiel auf das Wasser. Mein Vater hatte die Haustür und auch die Wohnung offen gelassen, und so kam ich in das Krankenzimmer, in dem zwei Frauen Wache hielten. Sie saßen an einem kleinen Tischchen, auf dem Lichter brannten. Bald nachdem ich das Zimmer betreten hatte, stand eine Frau auf und beugte sich über das Bett meiner Mutter. Sie nahm ein weißes Tuch und breitete es über das Bett. „Was machen Sie da?“ fragte ich. „Deine Mutter hat es so gewollt“, war ihre Antwort. „Wie geht es meiner Mutter?“ — „Jetzt geht es ihr gut“, erwiderte sie. Bald darauf trat mein Vater in das Zimmer, und ich erfuhr, daß meine Mutter gestorben war. Am Sabbat Nachamu 1854 saß meine Mutter in der Synagoge — eine schöne Braut, wie mir mein Vater oft erzählte. Am Sabbat Nachamu 1867 lag sie tot in ihrem Bette. Für mein Leben begann so mit siebeneinhalb Jahren eine neue Epoche, die mutterlose. Mein Vater heiratete später nochmals, und so verlief meine Jugend freudlos. 313