Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Mein Vater
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 312 (sequence 17)
- Language
- German
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Forschungen hebräisch schrieben, und doch steht das alles in keinem richtigen Verhältnis zu den vielen Opfern an geistiger Kraft und an Geld, die der Unterricht gefordert hatte. Thora gelernt haben alle Knaben. Reiche Familien hielten zu diesem Zweck Hauslehrer; die andern schickten die Knaben in den „Gheder“, d. h. in die Privatschule, in der Schulgeld (sechar limmud) gezahlt wurde. Manche Minderbemittelten und sogar Witwen opferten einen ansehnlichen Teil ihres Einkommens diesem idealen Zweck. Für die Kinder ganz armer Eltern bestand die „Talmud-Thora“, die öffentliche Schule, die von den Gemeinden unterhalten wurde. Was hätte bei einem gut geordneten und beaufsichtigten Unterricht nicht alles erreicht werden können und müssen! Aber der fehlte. Privatschulen wurden von Männern eröffnet, die dazu gar nicht geeignet waren, und es gab auch keine Aufsicht über sie. Es waren von den Ländersynoden sowie von einzelnen Gemeinden Verordnungen erlassen worden, um den Unterricht in geordnete Bahnen zu lenken, aber ohne Erfolg. Das Ergebnis war, daß viele junge Menschen die Zeit unnütz verbrachten, und das Wenige, was sie aus den Schulen mitgenommen hatten, bald vergaßen. So entstanden die vielen „Amehaarazim“, die mit Mühe hebräisch lesen konnten, und manchen ging auch diese Kenntnis ab. Noch schlimmer war es mit dem Unterricht der weiblichen Jugend bestellt. Für sie gab es keinen Cheder und keine Talmud-Thora. Eltern, die es einigermaßen erschwingen konnten, ließen die Mädchen durch häuslichen Privatunterricht das Lesen des Hebräischen erlernen, was vielen von ihnen aber nicht gelang. Gründliche Kenntnis der hebräischen Sprache war damals unter jüdischen Mädchen und Frauen eine große Seltenheit. Die wirtschaftlichen Verhältnisse meines Vaters erfuhren im Laufe der Jahre eine Besserung. Im Frühjahr 1867 bezogen wir eine geräumigere Wohnung, und es 312