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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1938-01-01 · 31 (1938) · p. Seite 311

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
31 (1938)
Article
Mein Vater
Date
1938-01-01
Page
Seite 311 (sequence 16)
Language
German
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durchfeuchteten. In der Hand hielt sie in einer Papierhülse ein Talglicht, und von diesem fielen ebenfalls Tropfen auf die Blätter. Auf mich hat dies einen bleibenden Eindruck gemacht, und ich kann sagen, daß es meine geistige Entwicklung stark beeinflußt hat. Es ist kein Zufall, daß ich im späteren Alter eine Martyrologie des jüdischen Volkes schrieb: „Das Buch der Tränen“ (1924—1926). Nach einundeinhalbjähriger Abwesenheit kehrte mein Vater zum Pessachfest 1864 nach Hause zurück, und zwar in der Absicht, bald wieder nach Rußland zu gehen. Was er aber im Hause vorfand, bot ihm wenig Freude. Meine Mutter, in Wohlhabenheit auf gewachsen, hatte es nicht verstanden, mit dem ihr geschickten Gelde auszukommen. Kleine Schulden waren gemacht und die Kinder schlecht gekleidet. Das betrübte meinen Vater sehr und brachte ihn in Verwirrung. Am Freitag Abend ging er zum Gottesdienst in das Beth hamidrasch. Der Mann, der ihn vor Jahren über das angebliche Wunder in Zydaczow ausgefragt hatte, begrüßte ihn freundlich, erkundigte sich nach seinen Verhältnissen und sagte, als er seine Verlegenheit sah: „Laßt Euch nicht einschüchtern und bleibt ruhig hier. Haltet Euch aber von den Chassidim fern, das sind Götzendiener“. Also blieb mein Vater zuhause. Meinen Unterricht aber überließ er noch immer der Mutter. Das Lesen machte mir keine großen Schwierigkeiten, und ich fing bald an, die Bibel, und zwar die Thora zu übersetzen. Auf das Erlernen der Gebete wurde gerade bei den Knaben kein Wert gelegt. Man schien anzunehmen, daß sich dies von selbst ergeben würde, wenn man genügend Thora gelernt hätte. Dies war aber ein verhängnisvoller Irrtum. Die osteuropäische Judenheit hat in den letzten hundert Jahren manche unsterblichen hebräischen Dichter hervorgebrac'ht, auch eine große Zahl von hervorragenden Schriftstellern und Gelehrten, die ihre 311

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