Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Mein Vater
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 309 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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sein schien. Man holte einen Mann herbei, der an dieser Stelle nachgrub, und fand dort das Kästchen mit seinem Inhalt. Später erfuhr man, daß ein Soldat die Abwesenheit der Fremden benutzt und das Kästchen gestohlen hatte. Dieser einfache Hergang wurde zu einem großen Wunder aufgebauscht. Man erzählte, der Rabbi hätte den Mann beruhigt; und man fügte noch hinzu, er hätte gesagt, es würde sich schon alles finden. Andere erzählten weiter, der Rabbi hätte gesagt, es sei ja alles da. Und so wälzten die Gerüchte sich weiter, bis daraus ein Wunder von großen Dimensionen wurde. In einer chassidischen Schrift wird dieser Vorfall wirklich als großes Wunder mitgeteilt. Mein Vater kehrte einige Tage später nach Hause zurück und erzählte auf Befragen, was er erlebt hatte. Seitdem verhielten sich die Chassidim gegen ihn mißtrauisch und zum Teil sogar feindselig. Bald darauf trat ein anderes Ereignis ein, das dem Faß den Boden ausschlug. Der erwähnte jüngere Vetter meines Vaters trug Verlangen, sich profanes Wissen anzueignen. Mein Vater half ihm darin, soviel er konnte, gab ihm aber den Rat, eine Schule zu besuchen, um alles methodisch zu erlernen. In Tarnopol bestand damals eine höhere jüdische Schule, die Josef Perl, der bekannte Vorkämpfer der Iiaskala, der Freund und Gönner Rapoports, gegründet hatte. Dorthin wandte sich der Jüngling. Aus dem Elternhaus hatte er sich heimlich entfernt, und da es ein Sommer tag war, wurde angenommen, er sei beim Baden in der Bistritza ertrunken. Einige Wochen später kam ein Mann aus Tarnopol und berichtete seinen besorgten Eltern, daß ihr Sohn die dortige Schule besuchte. Die Mutter reiste kurz entschlossen dorthin und holte den lernbegierigen Jüngling zurück. Sie hat damit den begabten Menschen für Lebzeiten aus der Bahn geworfen. Später wurde es ruchbar, daß mein Vater ihn am Tage, als er die Wanderung nach Tarnopol antrat, ein Stück Weges begleitet 309