Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Mein Vater
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 308 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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schlecht bekommen. Ein Vetter meines Vaters, von dem ich noch weiter erzählen werde, sagte mir einst, resigniert lächelnd: „Weißt Du, warum ich nicht wie Dein Vater aus dem „Ghassidimstübel“ hinausgeworfen wurde? — Weil ich niemals dort gewesen bin.“ Mein Vater neigte von Natur zur Melancholie und ging zu den Ghassidim, die im religiösen Leben der Fröhlichkeit huldigten. Das muß man als Vorzug anerkennen. Auf den Juden im Osten lastete eine schwere Melancholie; sie lebten in steter Furcht davor, von dem Zeremonialgesetz, wenn auch nur um Haaresbreite, abgewichen zu sein. Diese Ängstlichkeit kannten die Ghassidim nicht; ihr „Rebbe“ vermittelte ihnen gegebenenfalls Vergebung und Verzeihung. Mein Vater schloß sich den Chassidim von Zydaczöw an, wo der Chassidismus etwas geistiger gepflegt wurde. Er reiste einmal nach diesem Städtchen, um Rosch haschana in der Nähe des dortigen Rabbi zuzubringen. In deT Herberge, wo er wohnte, nahmen auch ein wohlhabender Dorfjude und seine Frau Quartier. Da sie gefürchtet hatten, daß bei ihnen im Dorfe während ihrer Abwesenheit eingebrochen werden könnte, hatten sie ihr Silberzeug in ein Kistehen, das sie mitnahmen und in ihrem Zimmer in der Herberge unterbrachten, eingepackt. Am Rosch haschana- Vorabend gingen alle Insassen der Herberge in die Synagoge des Rabbi. Heimgekehrt, wollte der Dorfjude aus seinem Kistchen den silbernen Becher holen, um den „Kiddusch“ zu machen. Da merkte er zu seinem Schrecken, daß dieses mitsamt dem Inhalt gestohlen worden war. Am nächsten Morgen ging er zum Gottesdienst. Der Rabbi betrat den Betsaal in andächtiger Sammlung. Da ging der Mann auf ihn zu und wollte ihm sein Leid klagen. Unwillig über diese Störung, schob ihn der Rabbi unsanft zur Seite. Beschämt kehrte der Mann zu seinem Platz zurück. Nachmittag ging man an den Dnjester zum „Taschiich“ — da bemerkte einer, daß an einer Stelle die Erde frisch aufgeworfen zu 308