Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Mein Vater
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 307 (sequence 12)
- Language
- German
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dem Chassidismus griff unter den Juden des Ostens die Bildungsfeindlichkeit um sich. Schon die Beschäftigung mit profanem Wissen galt als Ketzerei und wurde verfolgt. Daher sahen sich die Männer der Aufklärung, der „Haskala“, genötigt, den. Chassidismus scharf zu bekämpfen. Sie führten den Kampf teils mit ernsten Argumenten, teils in Satiren, die den Chassidismus und seine Nutznießer lächerlich machten. Allerdings enthält die antichassidische Literatur viele Übertreibungen, bis zur Karikatur. Die Schriften der Haskala überboten sich in Gehässigkeiten gegen diese Volksbewegung, indem sie ihr viel Schlechtes nachsagten, dessen sie nicht schuldig war, und das Gute an ihr verschwiegen. Erst nach einem Jahrhundert, etwa um 1880, hörte in der neueren hebräischen Literatur der Kampf gegen den Chassidismus auf. Ältere angesehene hebräische Schriftsteller und Dichter wandten sich von der Haskala ab und gaben sich den nationalen Ideen hin. Man hat mich oft als Übergang von der Haskala zum nationalen Gedanken bezeichnet. Darüber möchte ich mich hier nicht äußern, nur das eine will ich klarstellen: in jungen Jahren bin ich bereits für die geistige Wiedergeburt des jüdischen Volkes publizistisch eingetreten und habe es scharf getadelt, daß reiches Kulturgut, das unsere Vorfahren während vieler Jahrhunderte geschaffen hatten, wie wertloser Plunder weggeworfen wurde. Aber von der Haskala habe ich mich nie abgewandt und tue es auch jetzt nicht. Die geistige Wiedergeburt des jüdischen Volkes setzt nicht Unwissenheit und Aberglauben voraus; sie ist vielmehr von Wissen und Aufklärung bedingt — sogar von Rationalismus, wenn man es so haben will. Meine Vorfahren waren fromme Männer, die alle religiösen Gebräuche des Judentums bis auf das i-Piinktchen treulich befolgten — aber zum chassidischen „Rebben“ gingen sie niemals. Mein Vater war der erste, der diese Tradition durchbrach und sich — für kurze Zeit — den Chassidim anschloß. Das ist ihm sehr 20* 307