Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Mein Vater
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 306 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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geschrieben worden. Ich will den Chassidismus schildern, wie ich ihn in meiner Heimat kennengelernt habe. Von einigen Abarten des Chassidismus war bei uns nichts zu sehen, so z. B. von der Gruppe des „Ghabad“. Außerdem muß ihervorgelioben werden, daß Galizien seit dem Jahre 1772 eine österreichische Provinz war und ein volles Jahrhundert hindurch deutsch verwaltet wurde. Dadurch standen die Juden, die etwa 10 Prozent der Bevölkerung ausmachten und in manchen Städten die Mehrheit bildeten, mit dem westlichen Österreich und insbesondere mit Wien in engerem Kontakt. Das geistige Niveau der galizischen Juden war weit höher, als das der Juden in der Ukraine und in Polen, wo sie sprachlich von der nichtjüdischen Bevölkerung abgesondert waren. In Galizien hatten damals die ,,Rabbis“ d'er Chassidim in den kleinen und kleinsten Ortschaften ihren Sitz. Sie waren unwissende Menschen, die den Aberglauben und die Unwissenheit ihrer Volksgenossen zu nutzen verstanden. Es ist bezeichnend, daß, mit einer Ausnahme, keiner dieser Männer in seinem Orte das Amt eines Rabbiners bekleidete; es fehlte ihnen das dazu nötige talmudisch-rabbinische Wissen. Ich hatte in späteren Jahren Gelegenheit, solche Orte, wo ein chassidisdher Rabbi lebte, zu besuchen und fand zu meinem Erstaunen, daß der Chassidismus gerade dort wenig beliebt war. Was den Chassidismus im Allgemeinen kennzeichnete, war seine Bildungsfeindlichkeit. Das Erziehungs- und Unterrichts wesen hatte bei den Juden in den letzten Jahrhunderten vor dem Anbruch der neuen Zeit eine wenig erfreuliche Entwicklung genommen. Alles war auf das Studium des Talmud eingestellt, und selbst die Kenntnis der Bibel und der hebräischen Sprache wenig verbreitet. Aber bildungsfeindlich war das Judentum nicht. Es hat zu allen Zeiten und in vielen Gemeinden, auch in Osteuropa, Männer von profaner Bildung gegeben, die unangefochten unter ihren Volksgenossen lebten und sogar Verehrung fanden. Mit 306