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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1938-01-01 · 31 (1938) · p. Seite 304

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
31 (1938)
Article
Mein Vater
Date
1938-01-01
Page
Seite 304 (sequence 9)
Language
German
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wissenschaftlich. Ich interessiere mich sehr für diese Sprache, und möchte von Ihnen gern über Manches Aufklärung haben. Vielleicht besuchen Sie mich gelegentlich.“ Mein Vater erkundigte sich nach seiner Adresse, es war der Präsident des Stanislauer Kreisgerichts — wenn ich nicht irre, hieß er Baron Schenk. Nach einigen Besuchen merkte dieser meinem Vater an, daß er sich in einer gedrückten Stimmung befand, und erkundigte sich nach der Ursache. Als er die Geschichte von dem unglücklich ausgegangenen Prozeß hörte, meinte er beruhigend, er würde an zuständiger Stelle dafür sorgen, daß die Forderung der Gerichtskasse niedergeschlagen würde. Und so geschah es auch. Als mein Vater um das Jahr 1858 nach Stanis- . 1 a u übersiedelte, bestand dort eine junge, aufstrebende, wohlhabende Gemeinde. So bot sich hier meinem Vater die Möglichkeit, durch Erteilen von Unterricht den Lebensunterhalt für sich und die Seinen zu erwerben. Stanislau, jetzt eine große Stadt, zählte damals etwa 10 000, in der Mehrzahl jüdische Einwohner. Die akademischen Berufe waren unter den Juden noch nicht vertreten, dafür aber lag der ganze Handel in ihren .Händen; es gab in jener Zeit am Orte nur ein nichtjüdisches Geschäft. Ferner betrieben die Juden in kleinem Umfange Industrie, viele ein Handwerk. Die christliche Bevölkerung bestand zum Teil aus Beamten; Stanislau war nämlich der Sitz einer Kreishauptmannschaft — ein Kreis entsprach ungefähr einem preußischen Regierungsbezirk — und eines Kreisgerichts, einer Finanz- und Steuerdirektion usw. Die Beamten waren Deutsche oder Polen, und die Amtssprache war bei allen Behörden deutsch. Die ruthenische Bevölkerung bestand aus Ackerbürgern und zum geringeren Teil aus Handwerkern. Die westliche Vorstadt, in der wir wohnten, war fast durchweg von jüdischen Handwerkern bevölkert. Diese waren nichts weniger als wohlhabend. Auch die 304

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