Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Mein Vater
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 302 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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nach der Heirat das weitere Talmudstudium zu ermöglichen, bis er ein Rabbinat erlangt haben würde. Auf diese Weise haben begabte Jünglinge in Polen oft ihr Glück gemacht. Ein jüngerer Bruder meines Vaters, Lob Hirsch, heiratete die Tochter eines wohlhabenden Mannes, der ihm mehrere Jahre hindurch den Unterhalt gewähren konnte; er gelangte zu großem Ansehen und starb in ungewöhnlich hohem Alter als Rabbiner der angesehenen Gemeinde Zaleszczyki. Meinem Vater sollte aber ein solches Glück nicht zuteil werden. Meine Mutter verlor ihren Vater während ihrer Verlobungszeit, und ihre verwitwete Mutter erklärte, die Versprechung des verstorbenen Mannes nicht erfüllen zu können, da auch für die jüngeren Kinder gesorgt werden müßte. Verwandte rieten meinem Vater, unter solchen Umständen die Verlobung aufzulösen, was er aber nicht tun wollte. Die Hochzeit fand in der Woche nach dem 9. Ab des Jahres 1854 statt. Mein Vater stand1 damals im 20. Lebensjahr, meine Mutter war 16 Jahre alt. Nach der Hochzeit wollte sich mein Vater an der Mühle, deren Mitbesitzer er ja war, betätigen. Dafür war er aber ganz und gar ungeeignet. Dort hieß es kräftig zugreifen, Getreidesäcke abladen und Mehlsäcke auf laden helfen, wozu mein Vater körperlich zu schwach war. Im Winter litt er sehr unter der Kälte. Er war somit allen nur im Wege. Sein jüngerer Schwager, ein gelernter Müller, warf ihn einfach hinaus. Eine gütliche Einigung zwischen ihnen kam nicht zustande, und so blieb meinem Vater nichts übrig, als den Klageweg zu beschreiten. Nach der damaligen österreichischen Zivilprozeßordnung schleppte sich ein solcher Prozeß jahrelang hin. Mein Vater war bereits nach Stanislau übersiedelt, und der Prozeß, der vor dem Staniislauer Kreisgericht schwebte, nahm seinen Fortgang; nach dreizehnjähriger Ehe starb meine Mutter, und noch immer war der Prozeß nicht zu Ende. Der Gerichtsbote brachte von Zeit zu Zeit Prozeßakten, 302