Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Mein Vater
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 301 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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sah sich zu einer negativen Entscheidung gezwungen und bedauerte das. Er wollte schon das Wort „trefa“ aussprechen; da bemerkte mein Vater schüchtern: „Die Sache ist bereits entschieden, R. Ezechiel Landau1) erklärt sie in seiner Gutachtensammlung Noda bihuda für koscher“. Mein Vater entnahm das genannte Werk der Handbibliothek, schlug die betreffende Stelle auf und zeigte sie dem Rabbiner. Dieser war ehrlich genug zuzugeben, daß sie ihm unbekannt war, und sagte zu der vor ihm stehenden Frau: „Eßt in Gesundheit Eure Gans, dieser Bachur da hat sie koscher gemacht“. In der Judenstadt verbreitete sich gleich die Kunde von diesem Aufsehen erregenden Vorfall. Als mein Vater nach Hause kam, um sein kärgliches Frühstück zu verzehren, empfingen ihn seine Eltern voller Freude und sagten „Was wir bis jetzt für Dich getan haben, hast Du uns heute reichlich gelohnt. Was auch kommen mag, Du bleibst bei Deinem Talmudstudium“. So stark wirkte der Idealismus. Im Alter von etwa 19 Jahren sollte mein Vater heiraten. Frühe Heiraten waren bei den Juden im Osten üblich, ein Alter von 19 Jahren galt bei einem Jüngling nicht einmal als früh. In der Regel waren die Eltern darauf bedacht, für ihren Sohn eine passende Lebensgefährtin zu wählen, wobei nicht bloß auf die körperlichen und geistigen Eigenschaften der Braut gesehen wurde, sondern auch auf eine gesunde wirtschaftliche Grundlage für die zu gründende Familie. Mein Vater verlobte sich mit Golde, der ältesten Tochter des Isaak Aron Schottenfeld (die Familie war aus dem Hessischen nach Polen eingewandert), eines recht wohlhabenden Mannes in Tysmienica. Erbesaß eine große Wassermühle und ein schönes Haus. Neben einer ansehnlichen Mitgift versprach er, meinem Vater auch *) R. Ezechiel Landau, ein berühmter und als Autorität anerkannter Talmudgelehrter, war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Oberrabbiner in Prag. 301