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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1938-01-01 · 31 (1938) · p. Seite 300

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
31 (1938)
Article
Mein Vater
Date
1938-01-01
Page
Seite 300 (sequence 5)
Language
German
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war ich nahezu zehn Jahre alt. Ich erinnere mich ihrer noch sehr genau. Mit ihrem sanftmütigen Wesen wirkte sie immer beruhigend. In den schwierigsten Tagen seines Lebens ließ sie mein Vater zu sich kommen, um sich an ihren Trostworten aufzurichten, und er pflegte darauf die biblischen Worte (Jesaja 66, 13) anzuwenden: „Wie ein Mann, den seine Mutter tröstet“. Mein Vater Moses wurde am 1. Nisan (4. April) 1835 in Tysmienica geboren. Er zeigte schon in seiner Kindheit eine ungewöhnliche Begabung und sollte, wie, es damals bei den Juden im Osten üblich war, in Bibel und Talmud unterrichtet werden. Aber seine Eltern konnten die nötigen Mittel für seinen Unterricht nicht aufbringen. Da übernahm es sein mütterlicher Großvater Hirsch, ihn selbst zu unterrichten. Als er starb, bedurfte mein Vater immer noch des weiteren Unterrichts im Talmud. Eine Jeschhva, wie sie früher in anderen Ländern des Ostens und auch in Deutschland bestand, gab es in ganz Galizien nicht. Dafür war in jeder einigermaßen bedeutenden Gemeinde ein Beth hamidrasch, eine Art talmudische Mittelschule, in der lernbeflissene Jünglinge für sich oder zusammen mit Altersgenossen dem Talmudstudium oblagen. Einen methodischen Unterricht im Talmud gab es dort nicht; höchstens pflegten sich ältere Besucher des Beth hamidrasch der jüngeren anzunehmen und sie in ihrem Studium durch Hinweise zu fördern. Mein Vater lernte dort fleißig; aber auf die Dauer konnten ihn seine armen Eltern nicht noch miternähren; sie mußten ihn einem Erwerb zuführen. Unter den gegebenen Verhältnissen kam für ihn nur die Erlernung eines Handwerks in Frage. Während man überlegte, welches er ergreifen sollte, brachte ein Zufall die Entscheidung. Eines Tages, mein Vater war damals 16 oder 17 Jahr alt, brachte eine Frau dem Rabbiner in das Beth hamidrasch eine große Fettgans, um zu fragen, ob sie zum Genuß erlaubt war. Der Rabbiner 300

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