Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Shylock - die Geschichte einer Figur
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 164 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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verstreichen läßt, vor den Richter. Hier erklärt der Italiener, er wolle zum Islam übertreten, weil dadurch nach türkischem Gesetz alle Verbindlichkeiten aus seinem früheren Leben erlöschen. Der Richter geht daran, ihm einen fürchterlichen Eid abzunehmen, durch den er seine Familie, sein Vaterland und seinen König und seine Religion abschwören muß. Der Jude ist entsetzt darüber und versucht seinen Schuldner davon abzuhalten, diesen Eid zu leisten. Er erläßt ihm zuerst die Zinsen, dann die Hälfte des Kapitals und schließlich die ganze Schuld, nur um die Felonie des Italieners zu verhindern. Dieser akzeptiert den Schulderlaß und erklärt, nun brauche er ja nicht mehr Türke zu werden. Wozu der Richter die Bemerkung macht: „Juden versuchen sich durch Christlichkeit auszuzeichnen und Christen durch Jüdischkeit“. Gerontus aber bereut nichts, was er getan hat, und gibt dem andern den biederen Rat, wenigstens in Zukunft seine Schulden zu bezahlen ... Man könnte diesen Gerontus den Anti-Shylock nennen! Die um ihn gebaute Gerichtsszehe, die an effektvoller Theatralik nichts zu wünschen übrig läßt, wenn ihr auch die geniale Psychologie Shakespeares abgeht, ist in jedem Punkt das Gegenteil der Szene vor dem venezianischen Gericht. Sie ist förmlich eine philosemitische Demonstration und zugleich eine gegen die Moral der christlichen Kaufleute. Der Jude als selbstloser Verteidiger von Treu und Glauben im elisabethanischen England — dieser Be- 164