Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Shylock - die Geschichte einer Figur
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 161 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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wohin er aus Antwerpen geflohen ist, seinen Namen Joäo Miques in Joseph Nassi geändert. Schon als junger Mann und Gehilfe seiner Tante und späteren Schwiegermutter Grazia Mendez hat er durch sein erfolgreiches Auftreten am Hof der niederländischen Statthalterin Maria von Ungarn, der bedeutenden Schwester Karls V., als Kaufmann, Politiker und Höfling eine Legende von sich hinterlassen. Als er aber später in Konstantinopel zu hohen Ehren und zu einem erstaunlichen politischen Einfluß gelangte, bildete sich an den europäischen Höfen und in den europäischen Haupt- und Hafenstädten ein ganzer Legendenkreis um ihn. Was Schlimmes von den Türken gegen die Christenheit geschah, dafür pflegte man ihn, den „großen Juden“, verantwortlich zu machen. Besonders verhaßt war er in Venedig, wo man ihm die vielen Unbilden, die die absinkende Seemacht der Stadt durch die Türken erlitt, ankreidete. Natürlich war sein Name und Rang auch in England bekannt und erst recht, aus dem von den heimkehrenden Seeleuten „gesponnenen Garn“, die seine Gestalt zugleich vergrößernde und vergröbernde Legende. Er ist im Jahre 1579 gestorben, im gleichen Jahr, in dem, wie schon festgestellt, Stephen Gosson das Stück „The Jew“ erwähnt. Es ist wohl in jener Zeit entstanden. Etwa zehn Jahre später hat Marlowe sein Judendrama geschrieben. Und weitere fünf Jahre später ist Shylock in die Welt getreten. Man darf hier das Wort „Post hoc, ergo propter hoc“ im weitesten Sinne anwenden... n 161