Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Shylock - die Geschichte einer Figur
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 157 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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genug: der Jude leiht dem „königlichen Kaufmann“ dreitausend Dukaten und läßt sich von ihm für den Fall des Zahlungsverzugs ein Pfund Fleisch aus seinem Leib verschreiben. Aber der „Schein“ mit dieser Verschreibung, auf dem er besteht, wird vom Gericht zunichte gemacht, indem es dahin erkennt, daß er kein Gramm mehr oder weniger als ein Pfund schneiden und dabei keinen Tropfen Blut vergießen darf. Diese Fabel ist eine uralte Rechtsfabel, von der es bis heute nicht einmal feststeht, ob sie dem Morgen- oder Abendland entstammt. Sie ist in beiden Erdteilen schon im frühesten Mittelalter feststellbar. Sie kennzeichnet den Übergang vom strengen Formalrecht (ius strictissimum) zum Prinzip der freien und billigen Prüfung des Rechts, zur aequitas. Sie kommt in fast allen europäischen Literaturen vor und ist im Mittelalter in verschiedene Fabel- und Anekdotensammlungen oder Rahmenerzählungen aufgenommen worden, vor allem in die populärste lateinische, aber wiederum vielfach übersetzte, in die „Gesta Romanorum“. Nirgends findet sich in ihr die Gestalt eines Juden als des grausamen, auf dem Pfund Fleisch des Schuldners bestehenden Gläubigers. Erst in dem schon erwähnten „Pecorone“ taucht in der abscheulichen Rolle des blutdürstigen Wucherers der Jude auf. Der „Pecorone“ ist 1378 erschienen, also zu einer Zeit, wo nach dem Auftreten der großen Pest, für das man die Juden als Brunnenvergifter verantwortlich gemacht hatte, die furchtbarsten Judenverfolgungen 157