Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Shylock - die Geschichte einer Figur
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 155 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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sein, eine Judenfigur auf die Bühne zu bringen, auch wenn er keinen ausdrücklichen , Auftrag dazu Empfangen hat. Ein Pendant zu dem Vorgang, mag er sich nun so oder so abgespielt haben, kann aus der damaligen Literatur namhaft gemacht werden. Ebenfalls in der ersten Hälfte des Jahres 1594 erschien in London ein (fingiertes) Reise- und Abenteuerbuch „The unfortunate traveller or The life of Jacke Wilton“ (Der unglückliche Reisende oder Das Leben Jack Wiltons) von Thomas Nash, einem ausgezeichneten, ungemein witzigen und wendigen Pamphletisten. Auch dieses Werk ist dem Grafen Southampton gewidmet und enthält u. a. ein lang ausgeponnenes Kapitel von dem jüdischen Leibarzt eines Papstes, der mit einem zweiten römischen Juden die abscheulichsten Greueltaten, hauptsächlich aber Anschläge mittels Giftes plant. Es ist kaum fraglich, daß dieser päpstliche Leibarzt Zacharias ein pamphletistisches Zerrbild des englischen Leibarztes Rö1 derigo Lopez darstellt, und daß das ganze Kapitel, das, völlig ein Produkt der Phantasie, zum Abscheulichsten gehört, was je gegen die Juden geschrieben wurde, ad usum delphini verfaßt worden ist. Gerade an diesem zeitgenössischen Literaturprodukt kann man ermessen, was, dem Inhalt und dem Ton nach, von gefälligen Schreibern damals erwartet yrorden ist, und wie hoch also Shakespeare mit seinem Shylock über Anlaß oder Auftrag sich erhoben hat, 155