Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Shylock - die Geschichte einer Figur
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 149 (sequence 13)
- Language
- German
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Man vergegenwärtige sich nun, daß in dem handelsfreudigen elisabethanischen England einerseits das Mittelmeerjudentum auf vielerlei Wegen in die, wenn auch nur mittelbare Erscheinung trat, und daß das Land anderseits voll von alttestamentarischjudaistischen Strömungen war, die sich sogar zum Teil gegen des Dichters Berufung und Beruf und, wenn man will, selbst gegen seine Existenz richteten, — so wird es einleuchtend, daß er, wenn auch in einem judenfreien Lande, so doch in einer mit Jüdischem immerhin durchsetzten Atmosphäre lebte. Vielleicht hat er persönlich kaum einen leiblichen Juden gekannt, aber er müßte nicht ein Genie der Intuition, das Gefäß einer beispiellosen Einfühlungs¬ und Ahnungskraft gewesen sein, wenn er nicht aus dem fern Jüdischen und dem nah und allzu nah Judaistischen sich zu der Gestalt des Shylock hätte inspirieren lassen. In seinen Augen war der Jude für England zu einem wirtschaftlichen Faktor und, in puritanischer Einkleidung, zu einem geistigen Widerpart, ja zu einer geistigen Gefahr geworden. Man übersetze dies ins Venezianische und ins Komödienhafte, und man wird fühlen, daß damit schon gleichsam die ersten Hammerschläge an der Figur des Shylock getan sind — Hammerschläge, die, wenn das Bild erlaubt ist, vom Zeitgeist selbst durch die Hand des Dichters vollbracht wurden. So hat der mittelalterliche Mythos vom Juden, ohne daß Juden dagewesen wären, sich geschichtlich erneuert und gewandelt und hat nach einer zeit- 149