Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Shylock - die Geschichte einer Figur
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 146 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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werden lassen. Diese Flüchtlinge waren zu einem großen Teil gebildet und reich oder wenigstens nach ihrer Veranlagung und Erfahrung auf Bildung und Reichtum versessen. Es waren stolze, selbstbewußte Menschen mit nicht bloß kaufmännischer, sondern auch diplomatischer Begabung — die geborenen Mittler und Vermittler. Von ihnen brachten: zu Shakespeares Zeiten die englischen Seefahrer zweifellos Kunde genug mit nachhause, auf die Insel, wo es seit drei Jahrhunderten keine Juden gab, es sei denn ein paar versprengte Gruppen und Einzelne, die sich als Christen tarnten, meistens portugiesische oder italienische Kaufleute. Man nannte sie sogar gelegentlich „Jews“, aber dies war weniger eine Herkunftsbezeichnung als vielmehr eine Art von gewerblicher Brandmarkung, insbesondere für solche ausländische Kaufleute, die sich im Stoff- und Kleiderhandel oder auf dem Juwelenmarkt betätigten. Diese „Jews“ genannten Ausländer brauchten ihrer Herkunft nach gar keine Juden zu sein. Den wirtschaftlich oder politisch in England tätigen wirklichen Marranen — sie hatten bis etwa um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts in London und Bristol sogar heimliche Gemeinden und Bethäuser — legte man, da sie christlich getarnt blieben, nichts in den Weg. Sie waren eben Ausländer. Sie galten nicht als Juden und bedeuteten als solche nichts. Viel mehr aber bedeutete es, daß die Engländer mit jüdischen Firmen und Persönlichkeiten des Mittelmeers in Berührung und Beziehung kamen, 146