Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Shylock - die Geschichte einer Figur
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 144 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Attrappe, die man kaum noch mit der jüdischen Realität in Verbindung brachte. Darin trat erst wieder ein Jahrhundert später ein radikaler Wandel ein, der sich allerdings durch die Preisgabe der Granville’schen Verballhornung schon um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts vorbereitet hatte, als nämlich, am 26. Januar 1814, ein unbekannter kleiner Schauspieler es wagte, vor einem fast leeren Haus den Shylock ohne die komische Geiemase und ohne roten Bart zu spielen. Dieser kleine Mann war kein Geringerer als Edmund Kean, der größte englische und einer der größten Schauspieler aller Zeiten. Er hat in seiner triumphalen Laufbahn den Shylock erst wieder in seine vollen Shakespeareschen Rechte eingesetzt; er hat in ihm wieder die jüdische Tragödie realisiert — ein weit über die Bühne hinauswirkender, wahrhaft emanzipatorischer Vorgang, der schon deshalb zeitgerecht war, weil die politische Emanzipation der Juden in England sich nicht lange darnach vollzog. Man könnte überhaupt aus der Bühnengeschichte des Shylock ein sehr sprechendes Kapitel zur Geschichte der Juden abschreiben, ein Kapitel, das übrigens auch beweisen würde, daß das Allgemeinmenschliche im Juden Shylock so groß und so überwältigend ist, daß seine Gestalt von nichtjüdischen Schauspielern großen Ranges ebenso geliebt und ebenso erfüllt worden ist wie von jüdischen. II. Aber kehren wir nun wieder zu Shakespeare zurück und in die Entstehungszeit des „Kaufmann 144