Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Shylock - die Geschichte einer Figur
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 143 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Wie groß er war und wirkte, geht auch aus seiner Geschichte hervor, die ihn über die englische Bühne geleitet. Als das Stück „Der Kaufmann von Venedig“ zum ersten Mal aufgeführt wurde, war der Darsteller Shylocks der Kollege Shakespeares und sein Kompagnon in der Leitung der nachmals königlichen Theatertruppe: Richard Burbage. Er machte, wie wir ziemlich sicher wissen, aus dem Juden eine rein komische Charge und begründete mit einer lächerlich langen Nase und mit brandrotem Kopfhaar und Bart die Tradition für die äußere Darstellung nicht nur Shylocks, sondern aller Judenfiguren auf der Bühne — und wiederum nicht nur Englands, sondern Europas. Als dann im 18. Jahrhundert, nach Überwindung der puritanischen, theaterfeindlichen Zeit, Shakespeare wieder seine Herrschaft über die englische Bühne antrat, kam alsbald eine Bearbeitung des „Kaufmann von Venedig“ in Gebrauch, die die Rolle des Juden, soweit möglich, von ihren tragischen und psychologischen Elementen „reinigte“ und ihn vollends zu einer grotesken Charge machte. Der Autor dieser Verstümmelung der Dichtung auf Kosten der Shylock-Figur war George Granville Marquis of Lansdowne, seine Fassung wurde 1701 zum ersten Mal gespielt. Inzwischen hatte sich bereits wieder eine jüdische Gemeinschaft in England ansiedeln und wirtschaftlich wie geistig entfalten können. Nun war der Jude Shylock auf der Bühne nur noch ein wirklichkeitsfernes Schreckgespenst, eine mittelalterliche 143