Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Shylock - die Geschichte einer Figur
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 142 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Shylock vollzogen hat, kann man als die Durchdringung des vorurteilsvoll Mythologischen mit dem menschlich beglaubigten Urteil bezeichnen, in dessen Gesichtskreis die Tragödie des Juden im Mittelalter und nachher sichtbar wird. Shylock ist daher die erschöpfende Figur einer Zeit- und Schicksalswende, eine echte Geburt aus dem Geist der Renaissance und des Humanismus, eine Kreatur mit zwei Gesichtern, deren eines dunkel ins Mittelalter zurückschattet, während das andere schon vom Licht einer neuen Zeit und einer gewandelten Anschauung vom Menschen und seinen Rechten bestrahlt ist. Darin gründet die innere Geschichte der Shvlock- Figur, darin liegt das Geheimnis ihrer tiefsten Wirkung. Was, rund gerechnet, ein Jahrtausend legendärer und mythologischer Verwirrung aus dem Bild des Juden für das christliche Europa gemacht hat, der grausame Wucherer, der blutdürstige Menschen- und vor allem Christenhasser, der mit heimtückischem „Recht“ und Messer nach dem Herzen seines Feindes zielt, das tritt bei Shakespeare und in Shylock ins Licht der Psychologie und des geschichtlichen Fortschritts. Man begreift nun, wie und warum dieser Jude von Venedig, ganz abgesehen davon, daß er der Meisterhand eines der größten Menschenbildner entstammt, ein dokumentarisches und dadurch unvergängliches Bild vom Judenschicksal hat werden können, das Licht und Schatten über die Jahrhunderte, förmlich über ein neues Jahrtausend hin wirft. 42