Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Shylock - die Geschichte einer Figur
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 141 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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immer Recht behalten, ein Schicksal und einen Ton einführen, die jene Welt aufrühren, zumindest abei auf lockern und ihre Grenzen unversehens erweitern. Man muß sich hier daran erinnern, daß in der Soziologie und Kosmologie Shakespeares die Könige, Prinzen und adeligen Herren allein Anspruch auf eine heroisch-tragische Ausdeutung ihres Charakters und ihres Schicksals haben, daß dagegen die Angehörigen des niederen Volkes oder — wie im Falle Fallstaffs — des heruntergekommenen Adels nichts als Träger des Komischen sind. Bürger, Menschen der gesellschaftlich-sozialen Mitte gibt es bei Shakespeare nicht. Fast könnte man Shylock, wenn es der damalige Stand der Dinge erlaubte, die einzige,,bürgerliche“ Figur von Rang bei Shakespeare nennen. Aber auch sie war, von der Anschauung und dem Standort des Dichters aus gesehen, dem Bereich des Komischen überantwortet. Und wenn er ihr trotzdem, in der Verteidigung des Judentums und in der Anklage gegen das Herrentum, so starke seelische Töne und Wirkungen gönnt, so ist das bereits ein eindrucksvoller Akt humanistischer und zugleich humaner Gesinnung gegenüber dem Judentum, ein Schritt bereits über seine Zeit hinaus, die in England nur ein jüdisches Phantom kannte, das längst nicht mit dem jüdischen Phänomen übereinstimmte. Vorurteile sind der Breite ihrer Wirkung nach immer mächtiger als Urteile, anders ausgedrückt: Mythologien sind wirksamer als Realitäten. Der dichterische Prozeß, den das Genie Shakespeare an