Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Shylock - die Geschichte einer Figur
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 140 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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und Humanistisches, Vorurteil und Urteil. Die psychologisch-ethische Spannung zwischen diesen verschiedenartigen Elementen gibt der Figur recht eigentlichihren Ewigkeitswert, ihre zeitüberdauernde Wirkung. Freilich: die Mischling und Spannung so zu gestalten, daß uns der Jude Sliylock noch heute aus mitmenschlichem Antlitz und durch mitmenschliches Wort anspricht, konnte nur das Werk einer so unbegreiflichen Schöpferkraft sein, wie sie jener in seiner menschlichen Existenz bis heute geheimnisvoll gebliebene Schauspieler und Stückeschreiber William Shakespeare besaß. Er hat den Shylock, wenn die heute anerkannte Biographie stimmt, etwa in seinem dreißigsten Lebensjahr geschaffen. An Großem war vorausgegangen: „Heinrich IV“ und „Sommernachtstraum“. Wie Shylock in der Komödie „Der Kaufmann von Venedig“, dramaturgisch gesehen, nur eine „Chargenfigur“ ist, so enthalten auch jene beiden Dichtungen je eine solche Figur, die, ohne im Zentrum der Handlung zu stehen, fast alle andern Träger der Handlung durch saft- und kraftvolles Eigenleben übertrifft — es ist Sir John Falstaff in „Heinrich IV“ und Zettel, der Weber, im „Sommernachtstraum“. Wie in diesen beiden hat Shakespeare auch in Shylock menschliches Outsidertum in den Zustand des Tragikomischen erhoben. Wie in diesen beiden hat er auch in dem Juden ein menschliches Wesen von untergeordnetem oder zweifelhaftem Herkommen geschaffen, das in der Welt der Herrschenden, die 140