Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Shylock - die Geschichte einer Figur
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 139 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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der beiden folgenden Jahre als die Entstehungszeit \ anzusehen ist, läßt die Shakespeare-Forschung da- I hingestellt —, war England seit fast genau drei Jahrhunderten ohne Juden, jedenfalls ohne eine sichtbare jüdische Gemeinschaft. Was an zeitgenössisch Jüdischem, rein äußerlich gesehen, noch vorhanden war, bestand aus alten Legenden und örtlichen Geschichten, aus einer Reihe von Geschichts- und Sprachresten, in denen sich die Erinnerung an eine längst vergangene Symbiose unglücklichen Angedenkens unkontrolliert und unangenehm manifestierte. Woraus sich schon als selbstverständlich ergibt, daß die Legende, der mittelalterliche Mythos vom Juden automatisch an der Entstehung der Shylockfigur mitgearbeitet hat, wie ja überhaupt die Größe Shakespeares auch darin besteht, daß er — allerdings vorwiegend sonst in seinen historischen Dramen — den mythischen Befund seines Volkes und Vaterlandes in die dichterische Form gebracht hat. Auch ohne weitere Beweisführung läßt sich daher sagen, daß Shylock nichts anderes darstellt als die Aufmauerung der mittelalterlich-christlichen Vorstellungen vom Juden durch die geniale Hand eines Dichters, zu dessen Zeit und in dessen Werk der Geist des Mittelalters endgültig liquidiert und in eine neue Anschauung von der Welt und insbesondere vom Menschen überführt worden ist. In der Figur des Shylock also mischt sich — durch das Bild eines Juden, richtiger: „des“ Juden — Mittelalterliches und Neuzeitliches, Legendäres 139