Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Israel in Ägypten
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 96 (sequence 13)
- Language
- German
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kein einziger erleuchtender Gedanke, keine heilsame Institution gekommen. Nun ist es eine ebenso überraschende wie bezeichnende Beobachtung, daß, obgleich ein beträchtlicher Teil der Genesis und des Exodus in Ägypten spielt und die anderen Hauptschauplätze der biblischen Geschichte, Kanaan und die Wüste, an Ägypten angrenzen, doch in der ganzen hebräischen Bibel niemals der Pyramiden Erwähnung geschieht! Unbekannt können sie den Israeliten nicht wohl gewesen sein, denn bereits in der alten Welt waren sie das hervorragendste Merkmal des Landes und Ägypten „das Wunderland der Pyramiden“. „Als Mose groß geworden war, ging er zu seinen Brüdern hinaus und sah — nicht die königlichen Pracht- und Kolossalbauten, an denen sie zu arbeiten hatten, sondern — die Leiden seiner Brüder“, d. h. die Kehrseite der ägyptischen Kultur. Als ein echter Sohn Israels hatte er kein Auge für architektonische und künstlerische Wunder, wenn sie um den Preis von Freiheit und Menschenwürde geknechteter Brüder erkauft waren. Ägypten war genau das, was die Tora in ihm sieht: „ein Haus der Knech te“, der Sklaverei, und darum konnte für Israel, das zur Freiheit in Gott bestimmte Volk, keines Bleibens in diesem Lande sein. Schwächliche Halbheit konnte sich Möglichkeiten irgend eines modus vivendi ausdenken, aber die Tora legt es in ihrer Wahrhaftigkeit und sittlichen Entschiedenheit gerade darauf an, die auf die Dauer unverträglichen'Gegensätze in aller Schärfe 96