Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Israel in Ägypten
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111128-3119350--7942-3119501- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
seits betrachtet mit allen Beschäftigungen und Freuden, mit denen es nicht zu Ende sein sollte. Daraus entwickelte sich eine Versorgung und ein Dienst der Toten, und zwar der toten Leiber, die niemals auf Erden ihresgleichen gehabt haben. Die Anstrengungen, die man hierfür machte, waren ebenso gigantisch wie wahnwitzig. Die Pyramiden z. B. sollten nichts anders sein als ein ewiges Haus des verstorbenen Königs. Selbst die heiligen Katzen wurden einbalsamiert, und noch heute kann man die in den Felsen gehauenen Apisgrüfte besichtigen, wo die Mumien der heiligen Stiere in riesigen Steinsarkophagen mit unsäglicher Mühe beigesetzt worden sind. Die Ägypter galten im Altertum als das frömmste aller Völker, und das ist zutreffend, wenn man darunter versteht, daß das ganze Leben von der Religion beherrscht war. Aber was war das auch für eine Religion! Sie war der roheste Materialismus, Anbetung der Materie und ihrer Masse und Kraft, erfüllt von Dämonen- und Geistervorstellungen, Zauberei und Magie; die Sittlichkeit hatte in ihr nur einen geringen Platz, und die religiöse Pflicht und Übung bestand in der Beobachtung absurder Formen und Formeln, die umso strenger gewahrt wurden, je weniger man sie verstand. Niemals hat ein Volk sich Jahrtausende lang so unbedingt einem ebenso finsteren wie blöden Wahn unterworfen. Die einzigen Freigeister scheinen die — Grabräuber gewesen zu sein. Sie kannten weder Skrupel noch Zweifel und plünderten seelen- 93