Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Ezechiel, der Tragiker
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 79 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3111067-3111128-3119349--7927-3119487- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
seinen „Auszug aus Ägypten“, sein Mosesdrama. In seiner Weise ein Diener am griechischen Geist, in seiner Weise ein von griechischer Schönheit Beglückter und Verzückter, kündet er die Geschichte seines Volkes Israel in Geist und Sprache der Griechen. Spricht aber dieser hellenistische Jude aus dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert über die gewaltigen Räume der Zeiten hinweg nicht zu uns Juden der Gegenwart wie ein Bruder? Ist er nicht ein Bruder des Dichters Werfel, des Dichters Wolfskehl — in dem Sinn ein Bruder, daß auch diese Heutigen alle Beglückungen, alle Gefährdungen der Kultur an sich erfahren haben? Ist nicht ihre Dichtung der Versuch eines Weges, aus diesen Kulturen wieder zurück zu finden zum Eigensten, zum Erbe? Was anders sonst verkündet Werfels „Weg der Verheißung“ und Wolfskehls neuere jüdische Lyrik? Der Moses des Ezechiel bekennt von sich, in Ägypten im Königspalast Teil erhalten zu haben am Schatzbesitz einer hohen Kultur. Der Moses des Ezechiel bekennt aber auch dieses Andere, daß er den Weg geht zu seinen Brüdern, zu seinem Volk. In diesen Tiefenzusammenhängen, in denen es um Grundgesetze jüdischer Geistesgeschichte überhaupt geht, in diesem tragischen Gespanntsein zwischen Kultur und Offenbarung, worin vielleicht sogar die Ursache für manche religiöse Substanzverarmung des Ezechiel zu suchen ist — in diesen geistigen und existentiellen Bereichen beruht wohl im letzten die heute noch bewegende Aktualität des hellenistischen Juden, des Tragikers Ezechiel. 79