Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Ezechiel, der Tragiker
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 57 (sequence 12)
- Language
- German
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Die bedeutsamste Szene jedoch, die uns in den Fragmenten des Ezechiel erhalten ist, spielt am Berge Horeb. Gott spricht am flammenden Dornbusch zu Moses und setzt ihn in seine Berufung ein, das Volk Israel fortzuführen aus dem Lande Ägypten. Mit dem 90. Verse der Dichtung hebt diese Hauptszene im Drama des Ezechiel an. Stellt man die Frage nach Rang und Bedeutung der dichterischen Kunst des Ezechiel, so muß sich in diesem zentralen Teil der Gesamthandlung entscheiden, welcher Art die poetische Kraft dieses jüdischen Dramatikers gewesen ist. Freilich soviel muß gleich zu Beginn der kritischen Analyse vorweggesagt werden, daß ein dieses biblische Geschehnis gestaltender Dichter in dem Bericht von Exodus 3 und 4 eine Vorlage findet, die selber schon in einem ganz unübertreffbaren Sinne künstlerische, dramatische Formung ist. Der Dichter, der vor der episch-tragischen Größe von Exodus 3 und 4 würde bestehen können, müßte ein Dichter von überragendem Maße sein. Das muß in aller Gerechtigkeit gesehen werden, wenn eine Kritik an der Dichtung des Ezechiel zu entwickeln versucht wird. Die Dornbuschszene bei Ezechiel setzt ein in unmittelbarer Anlehnung an Exodus 3, 2 und 3. Wie dort, so gilt es auch hier bei Ezechiel, dem nicht verstehenden Erstaunen des Moses Ausdruck zu schaffen, der den Dornbusch brennen, aber nicht verbrennen sieht. Im Septuagintatext kommt dieses Antithetische in prägnanter Wortgestaltung zur Erscheinung: der Busch brennt, aber er verbrennt 57