Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Die Psalmen
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 32 (sequence 12)
- Language
- German
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Ewiger, mein Gott, erhelle meine Augen, daß ich nicht im Tod entschlafe“ (13,2,4); „warum verstößt du, Ewiger, meine Seele, verbirgst dein Angesicht vor mir?“ (88,15). Besonders ergreifend ist Psalm 102,1—42, 24, 25 — die übrigen Verse bilden ein besonderes Gedicht -—, „das Gebet eines Elenden, der vergeht und vor dem Ewigen ausgießt seine Klage“ (V. 1) mit seinem Schluß: „Gott, laß in meiner Tage Mitte mich nicht entschweben!“ Wie bedrückt muß sich der Fromme fühlen, der so leidet und zu seiner Qual in seinem Ergehen die Strafe für sein früheres Tun erblickt. Zu der eigenen Gewissensnot kommen noch die Vorwürfe von Freunden, die gleich Hiobs Freunden in dem Unglück eine Strafe des Himmels sehen und den Dichter nun entweder meiden oder gar verabscheuen. „Die Freunde und Gefährten stehen abseits meiner Wunde, und meine Nächsten halten fern“ (38,12); „sogar mein Bundesfreund, dem ich vertraute, der aß von meinem Brote, hebt gegen mich die Ferse hoch“ (41,10); „vertrieben hast du mir die Freunde, du machtest mich zum Abscheu ihnen“ (88,9). Wie sein eigenes Unglück den Frommen vielleicht nicht so sehr um seiner selbst willen wie wegen der Zweifel an der göttlichen Gerechtigkeit quält, so und noch mehr muß das Glück des Frevlers ihn in seinem Glauben wankend machen, und es ist zu begreifen, wenn er den Sturz und das Verderben der Gottlosen noch zu erleben hofft, wenn er Verwünschungen gegen sie ausstößt, nicht aus Rachelust und Schadenfreude, sondern um der 32