Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Das jüdische Phänomen
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 15)
- Language
- German
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des Judentums, seine Abstraktheit, die vielberufene Bildfeindlichkeit, die reine Geistigkeit der Gottesvorstellung? Nun, diese Bildfeindlichkeit und Geistigkeit ist doch Tatsache — und etwas der semitischen, ja vielleicht der ganzen orientalischen Welt bis zu einem gewissen Grade Gemeinsames. In den Moscheen Stambuls ist es — neben der Sinnenpracht der Säulen, Wölbungen, Mosaiken — vor allem die ungeheuer feierliche metaphysische Leere, die sich der Seele gebietend und nachhaltig eindrückt — und eben diese empfindet man als morgenländisch, außer- und über-europäisch. „Das Volk der stärksten Spannung zwischen Natur und Geist“ habe ich einmal das Judentum genannt. Aber ebenso tatsächlich ist wiederum die besondere Naturnähe und Wirklichkeitsfülle jüdischer Wissenschaftler und Praktiker. Wie bezeichnend hat sich etwa ein so tief jüdischer Geist wie Heine im Wirbel dieser Antinomie verfangen! Seine Unterscheidung von Nazarener- und Hellenentum ist mindestens psychologisch sehr aufschlußreich. Vom blutlosen Nazarenertum (lies: Judentum) verlangt er zur Sinnenschönheit hellenischer Art hinüber; „Wahrheit“ und „Schönheit“ stellt er scharf antithetisch gegeneinander — aber gerade weil er der (jüdischen) „Wahrheit“ allzu stark verhaftet ist, dürstet es ihn nach griechischer Schönheit — und zuletzt klammert er sich doch wieder an sein altes jüdisches Wahrheits-Erbteil. — Was ist es also mit diesem Volke, das aus der gleichen tiefen Frömmigkeit sich Gott unterwirft 2* 19