Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Das jüdische Phänomen
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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des jüdischen Wesens: die Selbstliebe und der Selbsthaß — die Selbstliebe zumal in jener übelberufenen Form der ,,Chuzpe“ (die sich modernpsychologisierend gerade als „Überkompensation“ der Selbstkritik und des Selbsthasses deuten ließe) . Überbetonung des Ichs folgt aus der Überklarheit der inneren Selbstschau — und jene affektbetonte Unterwertung, die in einem genialischen Geiste wie Weininger bis zur krankhaft grauenvollen Selbstzerfleischung führt, geht auf die gleiche Bewußtseinslage zurück. — Der Über-Rationalismus hat aber auch seinerseits wieder den „antinomistischen“ Gegenschlag gezeitigt: die welttiefe Mystik der Kabbala, diesen orientalisch gesteigerten Neu-Platonismus (der selbst ja schon von der „Temperatur“ der orientalischen Seele berührt war) und die gottinnige Alltrunkenheit des Chassidismus. Je tiefer und tiefer man in diese unendlich komplexe Seele hinabschürft, desto widersprüchlicher wird das Bild. Optimismus und Pessimismus, Sinnenbejahung und Sinnenverneinung, Gottesliebe und Gotteshaß — alles hat in dieser Seele Platz, die man fälschlich und erfolglos zu vereindeutigen sucht. Die Juden, besonders die neueren, als das Volk des Optimismus und Aktivismus: das ist solch eine beliebte Verein - deutigung, die als Klischee geprägt und weitergegeben wird. Schopenhauer hat sich bekanntlich bis zur Formel des „ruchlosen Optimismus“ verstiegen, und der „foetor judaicus“, den er bei Spinoza zu spüren glaubte, war ja vor allem ein solcher des angeblich unbedingten jüdischen Op- 2 17