Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Das jüdische Phänomen
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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giöse Inbrunst althebräischer Psalmen hat in der gesamten Weltkultur und Weltliteratur auch nicht ihresgleichen. Ich glaube, Lamartine hat einmal gesagt, daß er nach den Psalmen nicht mehr Pindar oder Horaz zu lesen vermöge. — Auf der anderen Seite wird mit zwangsläufiger Entsprechung der Intellekt ins Höchstmaß hinausgetrieben. Nur ein hochentwickeltes Abstraktionsvermögen — natürlich im Bunde mit einer übernormalen Erlebniskraft — konnte überhaupt die ungeheure Geistigkeit des Eingottgedankens erreichen. Aber es entwickeln sich weiterhin immer noch hochwertige, aber auch zweischneidige Erscheinungen wie Dialektik und Rabulistik — sei es in systematisch und methodisch überzüchteter Spekulation bei den Indern, sei es in unfruchtbarem Intellektualismus, überspitzter Spitzfindigkeit, der vielberufenen „Talmudistik“ bei den Juden. Der moderne Intellektualismus ist ja besonders verschrieen — und ein von den organischen Wurzeln des Vollmenschlichen losgelöster, gleichsam auf eigene Faust vagabundierender Intellekt hat in der Tat seine Gefahren (obwohl doch gerade das Spezifisch-Menschliche im Geistigen gipfelt!) Überkritik, Überskepsis, Relativismus und Nihilismus sind die großen Bedrohungen des einseitig überzüchteten Intellekts — auf niedrigerer Ebene Verstandesdürre, Begriffs-Inzucht, Frivolität, spielerischer Witz um des Witzes willen, ausgeprägter Hang zum Feuilletonistischen und Kabarettistischen. — In der Überwachheit des Bewußtseins gründen vielleicht auch jene andern beiden großen Extreme 16