Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Das jüdische Phänomen
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 11)
- Language
- German
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mcinmenschliche, allgemein-orientalische oder allgemein-moderne Züge. Orientalisches Wesen vor allem zeigt wieder diese widersprüchlich-lebendige Doppelheit: eine überheiße, tropisch üppige Phantastik und eine überscharfe, überkühle Intellektualität, Dialektik, Abstraktionsfähigkeit. Die Eingott- Vorstellung selbst hat etwas von diesem Doppelcharakter. Man hat das „Wüstenhafte“ dieser Gottesvorstellung betont — nun, auch die Wüste hat dieses Doppelgesicht: das Erhabene, Unabsehbare — und das Vaste, Entsinnlichte, Begriffskahlc. — Der Orient hat jenen Zug ins Groß-Dimensionale — der freilich oft nur aufs Äußerliche — Pomp, Massigkeit, Übergröße — zielt, aber auch im Geistigen und Seelischen, in den inneren Höhen- und Tiefen-Maßen, ins Äußerste geht. Als alter Griechen-Freund, ja Graecomane darf man es sagen — und ein Blick von der Akropolis auf Land und Meer der klassischen Harmonie hat es mich aus eigener Anschauung gelehrt: daß die Griechen mit einem an sich viel kargeren Seelen-Haushalt genial zu wirtschaften verstanden — und daß der ungleich größere Seelen- und Phantasie-Reichtum im Orient zu Hause ist. Das Übermaß der Phantasie kann natürlich ins Unmaß der Phantastik, ins Verfratzte und Verworrene, entarten — aber gebändigte Leidenschaft kann sich auch zu formenqucllendcn, tiefdculigcn Großgcbilden verdichten. Nicht auszuloten ist diese Tiefe der orientalischen Seele. Indiens Metaphysik hat sich in traumhafte Weltgründe und Hintergründe versenkt — und die rcli- 15