Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Das jüdische Phänomen
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 10)
- Language
- German
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Ethischen — eine ethische Indifferenz, wenn nicht einen radikalen amoralischen Radikalismus, eine Loslösung vom Ethischen wie vom Religiös-Metaphysischen, mindestens aber eine platte und billige Allerwelts-Moral, eine konventionelle Herden- und Spießer-Moral, die „kollektiv“ und dennoch im Grunde ganz egozentrisch ist. Und noch eine sehr unerfreuliche Erscheinung, die schon im alten Pharisäertum neben allem Hohen und Echten einherging: den rein formalistischen Leerlauf; die Lippen- und Buchstaben-Frömmigkeit; die Schein heiligkeit (das „Gefärbt-sein“, wie es schon damals hieß); das innerlich unwahre „Triefen von Ethos“, das unverbindliche Abreagieren edler Gesinnungen in der hochmoralisch klingenden Phrase, der keine Tat zu folgen braucht; das passiv unfruchtbare Mitleid, mit dem sich der Egoismus tarnt. (In der Formel des drastischen Volkswitzes: „Werfen Sie den armen Kerl hinaus — er bricht mir sonst das Herz!“) Man hat die Wurzel dieser amoralischen oder geradezu anti-ethischen Einstellung noch in einer anderen, allerdings nur für das moderne Judentum bezeichnenden und entscheidenden Erscheinung gesehen: im Intellektualismus. Der überwache und überklare, alldurchschauende und allzergliedernde Geist ist in der Tat immer in der Versuchung und Gefahr, jeder umfassenden und allgültigen Bindung zu spotten, jede Bindung zu opfern. Nun handelt es sich hier durchweg nicht um jüdische Monopol-Eigenschaften, sondern nur um (vielleicht im Jüdischen besonders betonte) allge- 4