Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Das jüdische Phänomen
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 9)
- Language
- German
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aller Lebensform mit Religion und Metaphysik. Religion nicht nur neben dem Leben einhergehend, sondern mit dem Leben zusammenfallend. Hier schlägt noch eine tiefe Welle aus jener Atmosphäre der Urzeit hinüber, die, nach dem guten Wort eines Forschers, „metaphysisch geladen“ war. Und wieder stimmt die Probe aufs Exempel des Judentums: echohaft antwortet das andere Extrem der radikalsten Verweltlichung, Säkularisation, der weitesten Gottferne, des weihelosen Materialismus und Zynismus. -— Eine weitere Antinomie, die mit dieser parallel läuft, ja teilweise zusammenfällt: der orientalische Geist ist auf das Ethos ausgerichtet; ja, man könnte vielleicht sogar von einem Primat des Ethischen sprechen; manchmal möchte man fragen, ob das Ethische vom Metaphysischen oder nicht vielmehr das Metaphysische vom Ethischen her bestimmt sei. Inder und Chinesen sind diskutable Beispiele. Vollends im Judentum ist diese ethische Ausrichtung unverkennbar. Die Leit-Idee des Sittlichen, das Ideal der Gerechtigkeit gibt ihm die Sonder-Art und den Sonder-Wert. Man hat mit einem gewissen Recht gesagt, daß der jüdische Eingott eine Art Projektion, Objektivation der ethischen Funktion bedeute. Und diese ethisch-bestimmte Eigenart des semitisch-jüdischen Genius hat sich auch in die beiden anderen großen monotheistischen Religionen, Christentum und Islam, hinein fortgesetzt. — Aber freilich fordert auch hier wieder ein Extrem das andere heraus, den „antinomistischen Gegenschlag“: die Höchstbetonung des 13