Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Das jüdische Phänomen
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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durch die Einheit der religiösen Idee zusammengehalten. Dazu kommt noch die tragische Besonderheit der Schicksale. Die Verzerrung durch Galuth und Ghetto trübt die Reinheit des ursprünglichen Wesensbildes. Was ist zentral? Was peripherisch? Was eingeboren? Was erworben und hochgezüchtet? Da man sich in diesem Labyrinth nicht auskennt, könnte man sogar hier die Frage nach der historischen Kontinuität aufwerfen. Zerrinnt einem nicht auch hier das „Wesen“ unter den Händen? Darf man an ein Stetiges und Bleibendes glauben? — Doch hier sprechen die Tatsachen selbst die beredteste, eindeutige Sprache. Das Judentum ist noch da; es hat seinen unzerstörbaren Kern durch die Wandlungen der Jahrtausende getragen; es könnte jederzeit (was es aber im eigensten Interesse nicht sollte!) selbstabgeschlossen, autarkisch aus unabsehbarer ei g e n e r produktiver Fülle schöpfen, ohne geradezu zu verarmen — dies allein genügt. Wie schon aus dem früher Gesagten einleuchtet: man widerlegt einen Menschen und ein Volkstum nicht, man bestätigt sie vielmehr, wenn man ihre Widersprüche auf zeigt, — Widerspruch ist Leben — lebendige Bewegtheit, die sich vorzugsweise antithetisch auswirkt — in Gegensätzen, die immer wieder zum Ausgleich streben: hier ließe sich an eine berühmte alte Formel in undogmatisch freier Anwendung denken. Durch wechselvolle Wandlungen jedenfalls geht das reiche Einzel- und Volks-Individuum stets hindurch. Diese Wandlungen sind wesens-, raum- und zeitbedingt. IO