Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Das jüdische Phänomen
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 5)
- Language
- German
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doppelpqliger, vielpoliger, widersprüchlicher, von Antinomien zerklüfteter ist sie... Daher sind eigentlich alle einseitigen Aussagen über das Judentum falsch, um so falscher, als wir es hier mit einem Phänomen von völliger Einmaligkeit. Einzigartigkeit zu tun haben. Einmalig, einzigartig ist freilich jedes Einzel- und Volks-Individuum — Individuum est ineffabile, wie die Scholastiker sagen; das Individuum ist gerade in seinen abgründigen, schöpferischen Tiefen unaussprechlich, unergründlich. Aber für das Judentum gilt dies noch in besonderem, intensivsten Maße. Es gibt allerlei verwandte historische „Seitenstücke“: große Völker und Kulturen sind vom Erdboden verschwunden, mit Stumpf und Stiel ausgerottet, aus ihrem Gebiet verjagt worden: Hethiter, Inkas und Azteken, Armenier. Andere haben sich im Laufe der Geschichte um- und umgebildet, so daß der Zusammenhang zwischen Einst und Jetzt fragwürdig geworden ist. Aber ein Volkstum, das sich Jahrtausende hindurch erhält, das sich mit allem berührt, an allem erfrischt und verjüngt und noch mit quellenden Spättrieben eine riesige Lebenskraft entwickelt, eine ungeheure Leistungs- und Schaffensfülle aus sich heraustreibt, mit seiner Umwelt zugleich eins wird und sich doch eigenwillig, eigenständig von ihr abgrenzt — ein solches Volkstum ist doch wohl (hier irrte Ben-Akiba) noch nicht dagewesen. Gewiß: auch hier ist der Begriff des Volks-Individuums vag und dunkel; eine Fülle sehr verschiedener rassiger und kultureller Werte ist hier eingeströmt, wohl nur 9