Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Mont Soleil
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 326 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Mittags in die Küche des Hauses zum Lämmchen in der Binger Judengasse. Die Mutter ist mit Martha allein, Vater und Brüder sind über Land. „Fragt mich nichts!“ sagt der Heimgekehrte und küßt die Mutter. Wie weich sind doch die Wangen der harten Frau! denkt er. Mutter macht grad einen Heringssalat. „Ißt du den noch so gern?“ fragt sie und will nicht zeigen, wie bewegt sie ist. Isaac nimmt die Schwester bei der Hand und führt sie die steinerne Wendeltreppe hinauf in ihr Dachstübchen. Zehn Minuten später ruft er zum Fenster hinab der Mutter. Er ruft nach Geißmilch und warmen Decken.- Und alles wiederholte sich wie damals vor neun Jahren. Perkussionen und Auskultation, Chlordämpfe und Gerberlohe, Emser und Selterswasser, Husten und nächtliche Anfälle. War es wirklich Martha, die da wie eine kleine Heilige lag, oder war es Mathilde? — Alles war wie einst, nur viel trauriger. Wie einst Mathilde von ihrem Fest, so sprach Martha von ihrer Hochzeit, immerzu. Dann sang sie Mathildens lieblich drollige Verse, die ihr Isaac damals vorgetragen und die sie wohl auch aus dem Munde der Freundin gehört hatte. Sie wußte noch alle auswendig, samt allen grammatikalischen Schnitzern. Komm tanzen, mon coeur! Une fois avec mon docteur. 326