Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Mont Soleil
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 324 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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trugen, hinauf eilte, ihn zu begrüßen, ist weit und breit kein Mensch mehr zu sehen. Noch am selben Abend trug er seine Wahrnehmung ins Dorf und die Binger Judengasse. Kurze Zeit danach verbreitete sich unter den Weinbauern der Umgebung das Gerücht, der Binger Doktor sei gestorben, der Geist des Abgeschiedenen aber, der keine Ruhe fände, spuke allnächtlich zwischen den Reben von Sarmsheim und Münster. Die Weinbergwächter bekreuzigten sich vor dem Berg, der bald in der ganzen Gegend und drüber hinaus der Ebertsheimskopf genannt wurde. Mochte auch Isaacs Stellvertreter und Nach' folger, der neue Doktor, das abergläubische Gerede verlachen, es blieb doch wahr, und viele sahen es in mondhellen Nächten mit eigenen Augen, daß eine kleine, gebeugte Gestalt langsam, sehr langsam hinauf zum Ebertsheimskopf empor klomm. Dort stand sie dunkel und unbewegt eine halbe Stunde und länger, bis sie verschwand. Aber es war nicht der verschwundene Sohn, der dort umging, sondern Benjamin Wolf, der ruhelose Vater, der hoffte, er könne seinem Kind dort, wo ihn der Winzer gesehen, begegnen. Viele Nächte machte er den beschwerlichen, vergeblichen Gang. Bis wieder, nach etwa zwei Jahren, abermals eine Geldsendung eintraf. Schwester Martha lief dem Boten, der sich rasch wieder entfernte und auf keine Fragen Rede stand, nach und bettelte, 324