Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Mont Soleil
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 320 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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„Ich schaffe es ohne Gott“, sagte der Dickkopf und häufte nach einem Rezept englischer Aerzte, welche beobachtet hatten, daß die Arbeiter der großen englischen Gerbereien von der furchtbaren Krankheit verschont blieben, in Mathildens Krankenstube Mengen feuchter Gerberlohe an. Ungern atmete sie diese Dämpfe, die sie anwiderten, aber sie tat es ihrem docteur zu Liebe. Er machte sie damit gesund, das wußte sie. „Sonst er mich nicht lassen in das Gestink.“ „Ach wenn du doch bei uns wohnen könntest!“ seufzte Martha, die, dem mütterlichen Gebot trotzend, die neue Schwester vor Sonnenaufgang heimlich besuchte. „Oben in mein Stübchen kommt die Sonne zuerst.“ „Wenn wir geheiratet sind, du uns besuchen auf Mont Soleil. Da kommt die Sonne noch erster“, versetzte Mathilde stolz und schluckte gehorsam die bittere Opiumessenz, die ihr verschrieben war. Lachend schüttelte sie sich: „Du tanzen auf meine Hochzeit, einmal ich tanzen mit mon mari, zweimal ich tanzen mit dich. Komm tanzen, ma petite, tanzen!“ Ihre Ausgelassenheit wurde überschwenglich. Sie warf der Scheidenden durch Tür und Fenster Kußhände nach. „Ich dir nähen eine merveilleuse Kostüm für das ’ochzeit!“ rief sie hinter ihr her. Isaac rechnete nicht mehr auf Sonnenschein im Binger Wetterloch. Er fragte die Rheinflößer, die aus dem Schwabenland kamen, ob denn nirgendswo dort oben die Sonne scheine. 320