Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Mont Soleil
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 319 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Jeden Abend, jeden Morgen betete er verzweifelt: „Laß endlich wieder Sonne kommen, du Herr über Wetter und Wind!“ Vergebliches Flehen. Undurchdringlich lagerten die Wolken über dem Schiefergebirge, nachts heulte der Wind um das Haus wie ein Wolf — Ebertsheim mußte an seine Mutter denken, die finster und grau wie Regenwolken an ihm vorüberstrich. „Die Ausgezehrte zehrt uns aus!“ hörte er ihre Stimme aus der Küche schrill in sein Ordinationszimmer dringen, und als der Vater begütigend leise zum Abwarten riet, warf sie ihm aufflammend das matriarchalische Bibelwort zu: „Des Vaters Segen baut den Kindern Häuser, aber der Mutter Fluch reißt sie nieder!“ — So sehr sich sein an den Philosophen der Aufklärungszeit geschulter Geist dagegen wehrte, es war Isaac, als bestünde zwischen dem Wüten der Mutter und jenem der Elemente ein Zusammenhang, unerforscht wie die Krankheit der Freundin, und er rief zu Gott: „Bist du ein Gerechter, wie kannst du der Mutter recht geben, die dein edelstes Werk, meine Zarte, zerstören will?“ Wie zu einem Menschen redete er in Gott hinein, und als Gottes Vorsehung allen Gründen und der Vernunft unzugänglich blieb, war er böse mit ihm wie mit einem Menschen, wie mit den Brüdern, der Mutter. Ich schaffe es ohne euch, sagte der dicke Ebertsheimskopf, den die Mutter in die Familie gebracht hatte, und der so verschieden war von der Vatersgüte der Ebertsheimsherzen. 319