Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Mont Soleil
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 318 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3111067-3111126-3118963--7774-3119301- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
armte sie und küßte sie auf den Mund. Man ahnte damals noch nicht, daß die Auszehrung ansteckend sei. Schwesterlich lehnten ihre Wangen aneinander, und Isaac dachte: „Wie ähnlich sie sind, beide so engelhaft zart! Warum soll Tildchen nicht auch eine Jüdin sein mit ihrem dunkeln Haar, dem tiefen Blick und diesem sehnsüchtigen Herzen? Und wenn sie es selbst nicht genau weiß, warum soll sie es nicht werden?“ — „Im Juli“, plauderte Mathilde, „ich machen eine Fest, im Juli ich gesund bin, ich tanzen mit Schwesterlein und viele Blümen, der ganze Stube voll . . . die ganze Nacht wir tanzen . . .“ Auch an den folgenden Tagen sprach sie unablässig von diesem Fest, das sie zur Feier ihrer Genesung geben wollte. Aber das Fest und alle festlich frohen Gedanken gingen unter in endlosen Fluten des Regens, der sich in diesen Sommermonaten über die Länder am Rhein ergoß. Wie im November drückten die Nebel auf Berge und Täler. Weinbauern und Weinbergsbesitzer hatten sorgenvolle Gesichter, aber das sorgenvollste hatte der arme Doktor Isaac Ebertsheim. Er hatte so hoffnungsvoll an die Kur auf Mont Soleil geglaubt. Dort war ihm, als würden die Lungen der Geliebten gleich Weintrauben von Sonnenwärme genährt und gestärkt. Neues Zellengewebe wuchs und umwucherte das alte bresthafte Produkt und machte es unschädlich. 318