Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Mont Soleil
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 312 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Dankbarkeit, indem er in Mathildens niedriges Stübchen eine frisch geschlachtete Taube, eine gebratene Hasenkeule oder Fleischbrühe schickte. Mathilde verzehrte die Speisen in lsaacs Gegenwart mit geheucheltem Appetit; denn sie wußte, es machte ihm Freude. Sonst aß sie fast nichts. Die dunkeln Stunden, die sie allein verbringen mußte, überwand sie, indem sie ihm feine, drollig zärtliche Briefchen schrieb, die bald zu kleinen süßen Gedichten wurden. Die steckte sie heimlich in seine Taschen. Das waren ihre Küsse, und Ebertsheim freute sich kindlich, wenn er sie fand und las. Bald wußte er sie auswendig und erwiderte sie in stürmischen Versen, die er auf seinen Krankenwegen, von Ort zu Ort laufend, in sein Rezeptbuch schrieb. Als der Winter wich, atmete der Doktor auf. Wie kräftig Kraut und Unkraut aus der kahlen Erde schoß! Weidenkätzchen schmeichelten in den pflückenden Händen. Er brachte einen großen Bund davon nach Münster, und sie war froh. Sie sang: Wir wollen aus das Häuser gehen. Wir wollen in die Himmel sehen. Mon soleil! Isaac willfahrte der poetischen Bitte. Vielleicht traf der kleine Vers das Richtige. Vielleicht, schoß es ihm durch den Sinn, offenbarte sich Gottes Weisheit durch ihren eigenen Mund und Willen. Mon soleil . . . 312