Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Mont Soleil
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 307 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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dem Süden durchzuschlagen. Auch ob sie Christin sei oder Jüdin, wußte er nicht. Danach hat er bei seinen Kranken nie gefragt. Wie hätte er es jetzt tun sollen, wo all sein Fühlen wie mit geschwungener Peitsche hinter seinem Denken stand und es antrieb: Hilf! Rette! Er flößte der Unbekannten von der Ziegenmilch ein, die Anderees aus dem Stall gebracht hatte. Er schnitt Brot, schmierte es dick, tat Käse drauf und schob es in Scheibchen in den fein geschwungenen roten Mund, der ihm fast belustigt zulächelte. „Monsieur le docteur, wenn ’aben pantalons su flick und stopfen Strümpf’, ich nähen alles für Ihnen — helas, her fehlen ein Bouton! Ich ihn nähen an, s’il vous plait!“ Sie wies auf seinen abgewetzten Rock und wollte auf. Er drückte sie sanft auf ihr Lager zurück. „Erst müssen wir die Gesundheit flicken“, sagte er freundlich, „die Knöpfe haben Zeit. Ich komme im Lauf des Vormittags wieder. Machen Sie jetzt Ihre Augen zu, liebes Kind, und denken Sie etwas Angenehmes und Liebes!“ „Ich werde Sie denken, docteur!“ Ehe er sich’s versah, hatte Mathilde seine Hand erfaßt und geküßt. Verwirrt tat Ebertsheim einige Scheite Holz in das Feuer, löschte das Licht und schloß leise die Tür. Draußen stand er noch eine Weile im pfeifenden Wind. Dann rannte er heim. Als er über die Drususbrücke kam, krähten in Bingen die Hähne. 20 307