Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Mont Soleil
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 304 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/3111067-3111126-3118963--7760-3119287- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Draußen stand ein Wingertsmann, und seine aufgeregten Worte bestätigten, was die Schritte, das Pochen hatten ahnen lassen; Es war etwas Ernstes. Als habe er nur auf den Mann gewartet und ohne viel zu fragen, lief der untersetzte junge Arzt neben dem Alten über die Drususbrücke zum linken Ufer der Nahe. „Das arm Ding“, berichtete der Graukopf, „im Hof hab ich se gefunne, Herr Dokter, da hot se schun de zweide Blutsturz gehatt, sie hat doch bei mir gemiet. Sie hot wen gesucht, der wo ihr hilft.“ „Halte den Mund zu, Anderees, und atme durch die Nase!“ sagte der Doktor. „Es ist das schönste Wetter für einen Lungenkatarrh.“ — Der greise Wingertsmann und der jugendliche Mediziner schwiegen und schnauften fast eine Stunde die zugefrorene Nahe entlang. Dann begann ein Ort, der an seinem Eingang Münster, am Ausgang Sarmsheim hieß. In der kahlen Mitte befand sich ein niederes Häuschen, in das sie eintraten. Drinnen roch es nach Fässern und Schneiderei. In einem ungestrichenen Holzbett lag die vierundzwanzigjährige Mathilde La Ennec in Blut und Fieber. Ihre Haut war so weiß wie draußen der Schnee. Der Doktor fühlte den Puls. Große beredte Augen ruhten dankbar in den seinen. „Excusez, monsieur le docteur!“ Sie versuchte zu lächeln. „Erst einmal ordentlich heizen, Anderees!“ gebot der Arzt. „Wir brauchen vor allen Dingen 304